Rainer Zitelmann öffnet mit seinem Buch »Zero Sum Mindset« einen Debattenraum, der bisher von Vertretern eines ganz bestimmten Weltbildes dominiert wurde. Erfolgreichen Menschen wird in Talkshows und Diskussionsrunden regelmäßig unterstellt, dass sie sich über Gebühr an den endlichen Ressourcen dieser Welt bedient und sich ein größeres Stück vom gemeinsamen Kuchen abgebissen haben, als ihnen zusteht. Gegen diese häufig vertretene Auffassung schreibt Zitelmann mit seinem Werk »Zero Sum Mindset« an.
Ich bezeichne diese Unterstellungen als Nullsummen-Rhetorik. Sie bleiben erstaunlicherweise in diesen Runden meistens unwidersprochen, obwohl das Nullsummen-Weltbild bereits tausendfach widerlegt worden ist. Das hat seine Ursachen, denn die zugrunde liegende Weltanschauung versteckt sich hinter Moral und Empörung und ist nicht auf Anhieb als Denkfalle erkennbar. Überhaupt liegt es noch gar nicht so lange zurück, dass Soziologen begonnen haben, sich um dieses Phänomen zu kümmern. Zitelmann – selbst promovierter Soziologe und Bestseller-Autor – musste bei seinen Recherchen gar nicht so weit zurück, um die ersten Studien zu diesem Themenkreis zu finden. Gerade mal vor gut zehn Jahren begannen sich seine Kollegen verstärkt um ein soziales Axiom zu kümmern, für das sich die Bezeichnung »Nullsummen-Weltbild« eingebürgert hat. Ein schrecklicher Begriff, aber es scheint sich kein besserer zu finden, der die dahinter liegende Denkfigur präzise genug beschreibt. Das macht es gerade in Debatten schwer, die Vertreter dieser Denkfalle so zu framen, wie sie es gegenüber jenen tun, die nicht in ihren Kategorien denken.
Rainer Zitelmann hat mit »Zero Sum Mindset« ein Buch über ein ebenso wirkmächtiges wie schwer sichtbares soziales Axiom vorgelegt. Schwer sichtbar ist es nicht deshalb, weil es besonders kompliziert wäre, sondern weil es zum einen an den notwendigen Begrifflichkeiten fehlt und zum anderen vielen Menschen nicht als Annahme, sondern als Wirklichkeit erscheint: Die Welt gilt als gemeinsamer, endlicher Vorrat; der Zugewinn des einen als Verlust des anderen; Reichtum als Aneignung; Ungleichheit als Schuldverhältnis. Es geht nicht bloß um einen ökonomischen Irrtum über Verteilung, sondern um ein umfassendes Deutungsmuster, das Wohlstand, Ungleichheit, internationale Beziehungen und moralische Schuld in einer einzigen knappen Weltressource zusammenzieht
Der häufig verwendete Begriff »Nullsummen-Denken« beschreibt die formale Logik dieses Musters. Das von Zitelmann gewählte Bild »Zero Sum Mindset« weist weiter, weil es eine gesamte Haltung meint. Um seine gesellschaftliche Wirkung zu erfassen, braucht es jedoch meiner Ansicht nach weitere Begriffe: das Nullsummen-Axiom als Grundannahme, die Nullsummen-Matrix als sozialisiertes Realitätsfeld, die Nullsummen-Ökonomie als Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die Nullsummen-Rhetorik als politische Sprache und die Nullsummen-Moral als normative Übersetzung.
Herr Zitelmann, wie nennt man Anhänger des Nullsummen-Weltbildes? Dafür gibt es leider keinen gängigen Begriff. Die Vertreter dieser Weltanschauung haben sich im Gegenzug allerdings jede Menge »Kampfbegriffe« einfallen lassen, mit denen sie beispielsweise Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung belegen. »Kapitalist«, »Neoliberaler«, »Marktradikaler«, »Privilegierter«, »Konservativer«, »alter weiser Mann« oder »Sozialdarwinist« sind gängige Stigmatisierungen. Dadurch entsteht eine asymmetrische Debattenkultur, der die liberale Szene bisher nichts entgegenzuhalten hat.
Auffällig ist: Fast alle diese Begriffe funktionieren nach demselben Muster. Die Nullsummen-Gläubigen oder wahlweise Nullsummen-Apologeten (nennen wir sie vorerst einmal so) unterstellen, dass die behauptete Win-win-Position (Wettbewerb, Handel, Wachstum nützen allen) in Wahrheit nur eine Tarnung für eine Win-lose-Agenda sei – der vermeintliche \«Neoliberale\« gewinne demnach zwangsläufig auf Kosten der sozial Schwächeren. Genau das ist die Übersetzung des Nullsummendenkens in ein Etikettierungsvokabular, in ein Framing: Statt inhaltlich zu widerlegen, dass eine bestimmte Marktordnung tatsächlich beiden Seiten nützt, wird der Vertreter dieser Position von vornherein moralisch disqualifiziert. Das erzeugt genau die Asymmetrie – ordoliberale bzw. sozial-marktwirtschaftliche Positionen müssen sich gegen ein Bündel vorgeprägter Verdachtsbegriffe verteidigen, während für das Gegenüber kein vergleichbar eingeführtes Stigmawort existiert.
Es fehlt also an dem notwendigen Vokabular. Das ist eine Schwäche des Buches. Diese Schwäche ist jedoch nicht dem Autor anzulasten. Es ist ein generelles Problem dieser noch jungen sozialwissenschaftlichen Forschungsrichtung. Auch mir fällt es nach zwanzig Jahren, seit denen ich mich privatwissenschaftlich mit diesem Weltbild auseinandersetze, schwer, eine geeignete Begriffswelt zu kreieren. Inzwischen haben sich jedoch einige Wortschöpfungen herauskristallisiert, die ich in einem entsprechenden Glossar zusammengefasst habe. Es tut also not, dem Framing von Anhängern eines Nullsummen-Narrativs mit entsprechend gerahmten Gegen-Begriffen zu begegnen. Einen Konter hat Zitelmann mit seinem Werk bereits vorgelegt. Es ist jetzt schon ein zitierfähiger Klassiker. Man wird hoffentlich in künftigen Debatten über »soziale Gerechtigkeit« des Öfteren den Einwand hören »lesen Sie Zitelmann« oder »lesen Sie die Wirtschaftsnobelpreisträger Acemoglu und Robinson«, die das Nullsummen-Narrativ ebenfalls überzeugend widerlegt haben und dafür 2024 zurecht mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden sind. Schon allein deshalb ist Zitelmanns Werk eine weite Verbreitung zu wünschen.
Kommen wir nun zum - meiner Ansicht nach einzigen - wirklichen Kritikpunkt, den ich anzumerken habe: Die Migrationsdebatte. Zitelmann hat dem Thema »Entwicklungshilfe« ein ganzes Kapitel gewidmet. Und in der Tat: Es gibt kaum ein prägnanteres Themenfeld als dieses, bei dem man das Nullsummen-Paradigma schärfer herausarbeiten könnte. Zitelmann kritisiert zu Recht ein Verständnis von Entwicklungspolitik, das sich als moralische Kompensation für eine pauschal zugerechnete Schuld wohlhabender Gesellschaften versteht. Dieselbe Struktur findet sich jedoch auch in Teilen der »No borders«-Rhetorik wieder. Die Migrationsdebatte ist der Nullsummendenkfehler-Zwilling der Entwicklungshilfe-Fehlkonstruktion,
Sie deutet nationale Grenzen nicht als Instrumente politischer Zuständigkeit, demokratischer Selbstregierung und begrenzter institutioneller Leistungsfähigkeit, sondern vor allem als Sperren, mit denen wohlhabende Gesellschaften ihren vermeintlich unrechtmäßig angeeigneten Anteil am Weltwohlstand verteidigen. Damit wird die legitime Frage nach Schutz, Asyl, Zuwanderung und Integration in ein vereinfachtes Schuld- und Rückgabeschema überführt.
»No borders« kann als ein Teilaspekt der Nullsummen-Matrix analysiert werden:
- Nationale Grenzen werden als illegitime Absperrung eines gemeinsamen Weltvorrats interpretiert.
- Wohlhabende Staaten erscheinen als unrechtmäßige Besitzer von Ressourcen und Lebenschancen, die sie anderen vorenthalten.
- Zuwanderung wird nicht als komplexe Frage von individuellem Schutz, Verfahren, Aufnahmefähigkeit, Integration, Sicherheit, kommunaler Infrastruktur, Arbeitsmarkt und politischer Zustimmung behandelt.
- Sie wird moralisch auf eine Rückgabe- oder Teilungsforderung reduziert.
- Wer Grenzen, Verfahren oder Begrenzungen fordert, wird leicht als Verteidiger eines ungerecht angeeigneten Privilegs markiert.
Das ist nicht zwingend die Denkgrundlage jeder migrationsfreundlichen Position. Es ist jedoch ein wiederkehrendes rhetorisches Muster, das differenzierte Debatten erschwert – gerade weil es Schutzbedürftigkeit gegen jede Erwägung institutioneller Tragfähigkeit ausspielt.
Die No-borders-Formel verhindert jene differenzierte Debatte, die nötig wäre: über individuelle Schutzpflichten, rechtsstaatliche Verfahren, humanitäre Prioritäten, kommunale Kapazitäten, gesellschaftliche Integration, Rückkehrpflichten sowie die demokratische Legitimität einer kontrollierten Einwanderungspolitik.
An dieser Stelle möchte ich einen weiteren Begriff in die Debatte einführen: Die Pool-Illusion
Darunter verstehe ich die Vorstellung, gesellschaftlicher Wohlstand oder globale Ressourcen seien ein einziger, frei verfügbarer und moralisch allen gleichermaßen zustehender Vorrat. Die Pool-Illusion verwischt den Unterschied zwischen knappen Gemeingütern, privat oder organisatorisch geschaffenen Gütern, öffentlichen Leistungen und dynamisch erzeugtem Wohlstand.
Sie erzeugt zwei gegenläufige Fehldeutungen:
1. Geschaffener Wohlstand wird behandelt, als sei er eine ohne Urheber, Kosten, Risiko und institutionelle Voraussetzungen vorhandene Naturgabe.
2. Tatsächlich knappe Gemeingüter werden behandelt, als seien sie ein grenzenlos offener Weltpool, dessen Nutzung ohne klare Zuständigkeiten, Regeln, Überwachung und Sanktionen auskommen könne.
Der von mir verwendete Begriff der »Pool-Illusion« verbindet die Kritik am Nullsummen-Weltbild mit der institutionenökonomischen Forschung zu Gemeingütern. Er macht sichtbar, dass die Begriffe »gemeinsam« und »allen zustehend« keine Regeln für Zugang, Erhaltung, Haftung und Kostenverteilung ersetzen.
Und nun kommt die erste Frau ins Spiel, die berechtigterweise den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat: Elinor Ostrom Elinor Ostrom hat zur Pflege und Ausgestaltung von Allmendegütern geforscht. Meiner Ansicht nach müssen wir unsere Sozialsysteme, unser Bildungswesen oder unsere Infrastruktur als Allmendegüter im Sinne Ostroms deuten. Sie alle laufen aktuell Gefahr, übernutzt zu werden, denn es wird mehr entnommen als einbezahlt. Wie bereits weiter oben ausgeführt, werden diese Güter so behandelt, als seien sie ein grenzenlos offener Weltpool, dessen Nutzung ohne klare Zuständigkeiten, Regeln, Überwachung und Sanktionen auskommen könne. Einer der fatalsten Denkfehler im Nullsummen-Kosmos mit verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen.
Ostroms Untersuchungen zu Common-Pool Resources zeigen, dass sich gemeinsam genutzte, erschöpfbare Ressourcen unter bestimmten institutionellen Bedingungen dauerhaft erhalten lassen. Zu den häufig genannten Prinzipien gehören klar definierte Grenzen der Ressource und der Nutzungsgruppe, Regeln, die lokalen Bedingungen entsprechen, Beteiligung der Betroffenen an Regeländerungen, Überwachung, abgestufte Sanktionen, kostengünstige Konfliktlösung, Anerkennung des Rechts zur Selbstorganisation und bei großen Systemen verschachtelte Organisationsebenen.
Damit wäre mein einziger Kritikpunkt zu diesem Buch abgehandelt. Wir müssen die Themen »Entwicklungshilfe« und »Migration« zusammen denken und Debatten jenseits einer Nullsummen-Pool-Illusion führen.
Kommen wir zu meiner Überschrift, weshalb Antikapitalisten dieses Buch hassen werden: Nun, es entzieht ihnen die Deutungs- und Debattenhoheit. Es enttarnt ihre Weltanschauung und es erklärt, wer die wahren Avantgardisten und wer die Konservativen tatsächlich sind. Das Nullsummen-Paradigma ist alt, sehr alt sogar. Es braucht eine regelrechte Exit-Strategie, um diese Weltdeutung als das zu erkennen, was sie ist: Eine über Jahrtausende hinweg weitervererbte Matrix. Ein Narrativ, das zwar historische Realitäten abgebildet hat, nun aber einer anderen, moderneren Erzählung weichen muss. Ein Realitätsfeld von vielen, das von außen betrachtet an einem unheilbaren Denkfehler leidet. Dieser Denkfehler kann nicht korrigiert, er kann nur verlassen werden. Und dann findet man sich plötzlich in einem ganz anderen Realitätsfeld wieder. Manche haben ihr gesamtes Selbstbild auf diesem Narrativ aufgebaut. Sie fühlen sich in dieser Haltung als besonders revolutionär und avantgardistisch, mit einer hohen moralischen Integrität, die sich plötzlich als brüchig erweist. Die Tugenddividende, der man sich bisher sicher sein konnte, wird plötzlich nicht mehr ausgeschüttet. Sie versiegt. Dieser Verlust wird viele treffen. Und er tut weh.
Das soll nicht bedeuten, dass ich den Kapitalismus verherrliche. Im Gegenteil: Ich deute die multiplen Krisen unserer Zeit als ein Zwischenstadium. Die Kritiker unserer Individualgesellschaft und des kapitalistischen Wirtschaftssystems haben in vielen Punkten recht. Allerdings kann die Lösung nicht darin liegen, den Individualisierungsprozess und die Marktwirtschaft wieder rückabwickeln zu wollen. Wir können sie nur weiterentwickeln. Von der unkultivierten zur kultivierten Individualgesellschaft, von der Ellenbogengesellschaft zur Non-Elbow Society. Die Avantgardisten der Zukunft werden die kultivierten Individualisten, die Non-Elbows sein.