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Generationengerechtigkeit · Rentensystem · Offener Brief

April 2026

An die Jungen: Euer Rentenproblem

Du zahlst heute Rekord-Rentenbeiträge. Du wirst Rekord-niedrige Renten bekommen. Das ist keine Prognose — das ist Arithmetik. Und niemand redet ehrlich darüber.

Dieser Artikel richtet sich an alle, die heute zwischen 20 und 40 sind. An die, die gerade ins Berufsleben einsteigen oder mittendrin stecken. Die jeden Monat auf ihrer Lohnabrechnung sehen, wie viel von ihrem verdienten Geld in die Rentenversicherung fließt — und die ahnen, dass sie dafür im Alter nicht annähernd so viel zurückbekommen werden.

Diese Ahnung ist richtig. Und es ist an der Zeit, sie klar auszusprechen.

Was die Zahlen wirklich sagen

Das deutsche Rentensystem funktioniert nach dem Umlageverfahren: Die heutige Generation der Arbeitenden zahlt die Renten der heutigen Generation der Rentner. Kein Kapitalstock, keine persönliche Ansparung — eine direkte Umverteilung von Jung zu Alt.

Das funktioniert solange, wie genug Junge für wenige Alte zahlen. In den 1960er-Jahren standen vier Beitragszahler einem Rentner gegenüber. Heute sind es kaum noch zwei. Und die Projektion für 2040 ist noch düsterer — wenn die letzten Babyboomer in Rente gegangen sind und die geburtenschwachen Jahrgänge danach das System tragen müssen.

Du zahlst heute fast 20 Prozent deines Bruttoeinkommens in die Rentenversicherung — die Hälfte direkt, die andere Hälfte über den Arbeitgeberbeitrag, der eigentlich auch dein Lohn wäre. Dafür wirst du im Alter eine Rente bekommen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit unter der Armutsgrenze liegt — wenn du nicht zusätzlich vorgesorgt hast.

Das ist kein Pessimismus. Das ist der aktuelle Projektionspfad der Deutschen Rentenversicherung selbst.

Warum niemand ehrlich darüber redet

Die Antwort ist unangenehm: Weil Rentner wählen. Und zwar in großer Zahl, regelmäßig und zuverlässig. Wer heute politisch über Rentenkürzungen oder strukturelle Reformen spricht, verliert Stimmen — viele Stimmen, sofort sichtbar.

Wer hingegen die junge Generation belastet — durch höhere Beiträge, durch schlechtere Rentenperspektiven, durch aufgeschobene Reformen — spürt den politischen Gegenwind kaum. Junge wählen seltener. Und selbst wenn sie wählen: Die Rentenproblematik in 40 Jahren fühlt sich abstrakt an, wenn man 25 ist.

Das Ergebnis: Eine strukturelle politische Schieflage zulasten der Jungen. Nicht weil die Alten böse wären — sondern weil das System falsche Anreize setzt. Wer kurzfristig denkt und auf Wiederwahl zielt, tut das Falsche. Und das Rentensystem belohnt genau dieses Verhalten.

Was ihr von euren Großeltern wisst

Hier möchte ich euch etwas sagen, das in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Die überwiegende Mehrheit der heutigen Rentnerinnen und Rentner weiß, dass das System so nicht nachhaltig ist. Und es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, das Schicksal der eigenen Kinder und Enkel sei uns Älteren egal.

Es ist es nicht.

Es bekümmert uns. Es bereitet uns Sorgen. Es gibt uns Bauchweh, wenn wir sehen, mit welchen Beitragslasten ihr heute belegt werdet — für eine Rente, die euch nicht sichern wird. Wir haben dieses System nicht mutwillig kaputt gemacht. Aber wir haben zu lange zugeschaut, wie es in Schieflage geriet.

Deshalb schreibe ich diesen Artikel. Nicht um euch zu beruhigen. Sondern um euch aufzurütteln — und um die Brücke zu bauen zwischen den Generationen, die dieses Problem gemeinsam lösen müssen.

Was ihr jetzt tun könnt

Drei Dinge — konkret, sofort, ohne auf die Politik zu warten:

Erstens: Eigenvorsorge beginnen — heute, nicht morgen. Jedes Jahr, das ihr wartet, kostet euch im Alter überproportional viel. Der Zinseszinseffekt arbeitet für euch — aber nur wenn ihr anfangt. Betriebliche Altersvorsorge nutzen, Riester oder Rürup prüfen, in ETFs investieren. Das ist keine Selbstoptimierung — das ist Überlebensstrategie.

Zweitens: Politisch sichtbar werden. Wählen. Kandidieren. In Parteien gehen, die bereit sind, das Rentensystem ehrlich zu reformieren statt zu verwalten. Die Jungen Liberalen, andere Jugendorganisationen — sie haben die Möglichkeit, den politischen Diskurs zu verschieben. Aber nur wenn sie laut genug sind.

Drittens: Die Systemzusammenhänge verstehen. Die Rente ist kein isoliertes Problem. Sie hängt am Wirtschaftswachstum, an der Demografie, an der Qualität der Institutionen, an der Meritorik-Inflation, die Unternehmen belastet und Wachstum bremst. Wer das System versteht, kann es verändern. Wer nur das Symptom sieht, bleibt ohnmächtig.

Was die Politik tun müsste

Fünf Forderungen — nicht als Wunschliste, sondern als strukturelle Notwendigkeiten:

Das gemeinsame Interesse

Es gibt keinen Generationenkonflikt ums Rentensystem. Es gibt einen gemeinsamen Gegner: ein System, das kurzfristiges politisches Denken belohnt und langfristige strukturelle Lösungen bestraft.

Die Senioren von heute wollen, dass ihre Kinder und Enkel im Alter abgesichert sind. Die Jungen von heute wollen, dass ihre Beiträge nicht in ein System fließen, das zusammenbricht bevor sie in Rente gehen. Beide wollen dasselbe: ein nachhaltiges, gerechtes, zukunftsfähiges Rentensystem.

Das ist die Basis für eine Koalition der Vernunft — über Generationengrenzen hinweg. Nicht Alte gegen Junge. Sondern alle gemeinsam gegen das Nullsummen-Denken, das jeden Reformversuch im Keim erstickt.

Gute Politik holt jeden dort ab, wo er steht. Sie sagt dem Rentner: Wir verstehen deine Sorge. Sie sagt dem Jungen: Wir sehen deine Last. Und sie sagt beiden: Hier ist der gemeinsame Weg. Das ist keine Utopie. Das ist die einzige realistische Option.

Ich bin Jahrgang 1954. Ich bin Rentner. Und ich schreibe diesen Artikel, weil mir die Zukunft meiner Kinder und Enkel nicht egal ist. Sie ist es nie gewesen.

Dieser Artikel hat Ihnen etwas gegeben? Teilen Sie ihn — besonders mit jungen Menschen.

Ergänzung zu: Die Rentenversicherung als Lehrstück → · Das institutionelle Ökosystem → · Warum die FDP abgestürzt ist → · matriX-eXit-Zyklus →